Die Altdorfer Bürger- und Bürgerinnentracht
Unser
Altdorf bzw. Weingarten um 1800, eine kleinstädtische Gemeinde mit
großem ländlichen Einflussgebiet (18 Bauernhöfe im Ortskern und am
Randgebiet), hatte nach der Säkularisation der ehemals so mächtigen
und kulturfreudigen Reichsabtei Weingarten einen tiefen Fall
wirtschaftlich und kulturell getan. Dazu kam noch die folgenschwere
Eingliederung ins Königreich Württemberg, das dem Reichsflecken die
letzten Rechte und Privilegien nahm.
War
die Wirtschaftskraft des Gemeinwesens schon sehr in Mitleidenschaft
gezogen worden, als die klösterlichen Aufträge für Handwerker, Händler
und Künstler ausblieben, so war kulturell ein sehr starker Niedergang
zu verzeichnen, als durch die säkularen Bestimmungen des Konstanzer
Generalvikars Freiherr von Wessenberg die Bruderschaften, der
Blutfreitag sowie deren Begleiterscheinungen verboten wurden.
Große
Teile des Landvolkes, für die kirchlichen Festtage eine willkommene
Abwechslung gewesen waren, wo man sich im Schmuck der Trachten zeigen
konnte und auch gehörig gefeiert hatte, dies war aufgrund der Verbote
nicht mehr möglich. Als schließlich noch die Thurn- und Taxissche
Poststation aufgehoben wurde, war das Elend des Fleckens, das ja durch
Kriegsschulden (Beschlagnahmung, Kontributionszahlungen) und die
Zwangsgelder an Württemberg schon groß genug war, noch unerträglicher.
In
all jener Zeit, die sich erst 1825-30 etwas wirtschaftlich und
kulturell besserte (Gründung neuer Betriebe, Wiederauflebung des
Blutfreitags, Gründung der Lanziergarde, Fasnachtsspiele) kündete
die Altdorfer Tracht von besseren Zeiten.
Trotz
der wirtschaftlichen Schwierigkeiten trug die mittlere Schicht des Bürgertums
ihrer Standeskleidung Rechnung. Zwar veränderte sich die Bürgerkleidung
in den vorderösterreichischen Landstädten schneller als in den bäuerlichen
Landgemeinden, aber die Grundteile der Tracht blieben bis 1860, mit
Unterbrechung und bedingter Verwässerung, sogar bis 1890 an Heimat-
und Fasnachtstagen erhalten:
Radhaube, Wiener- oder Mailänder Schal
bzw. Tuch und die Seidenschürze.
Vor
allem die Modeeinflüsse von 1820-40 veränderten die Tracht, während
bestimmte Trachten-Teile wie das verzierte Mieder und das „Jungfernhäubchen“
noch an die letzten Jahre des Rokoko erinnern.
Trug
zu Zeiten des Reichsklosters die vermögende Schicht des Bürgertums
noch dem höfischen Prunk des Barock und Rokoko Rechnung, so war nach
1820 der Einfluss Frankreichs vor allem im Oberteil und in den Ärmeln
erkennbar.
Die
Bürgerinnentracht bestand aus einem knöchellangen Bahnenrock mit
Silber- oder Goldborten verziert. Das Oberteil aus einer taillierten
Jacke mit Schößchen und leichten Schinkenärmeln war gold oder
silbern verziert und trug ein Stehkrägelchen am Halsausschnitt und an
den Manschetten geaufrierte Spitzenbesätze. Darüber trug man eine
schmale, unten aufspringende, gold oder silbern verzierte Seidenschürze
unifarben oder bunt mit eingewobenen Blumenranken. Je mehr es auf 1850
zuging, je pompöser wurde die Tracht. Bald war der Rock stark gefältelt
und mit dem Oberteil durch eine angehobene Taille verbunden.
Auch
der Ärmel wurde am Oberarm sehr fällig und das hochgeschlossene
Jackenteil wurde durch ein Dekolleté ersetzt, meistens mit
Spitzenkragen von großem Ausmaß verziert. Nur die Radhaube wurde
unverändert dazu getragen, sowie der Mailänder Seidenschal als
Stecktuch.
Die
Rad- oder Bodensee- oder Schwabenhaube kommt in ihren Ursprüngen von
der Tschappel über die Heckenhaube, sowie der Gold- oder Silberhaube
aus dem Barock der Augsburger Gegend über die Allgäuer Regina-Haube
in unsere Gegend und breitete sich über Österreich bis in die
Schweiz aus, also rund um den Bodensee bis weit ins Hinterland.
Die
Rad- oder Gimpenhaube aus Gold- oder Silberlameebändchen in schöner
Rokoko- Ornamentik gearbeitet, bestand aus einem Durchmesser von 30-65
cm. Das „Kopfbödele“
war mit schönen Verzierungen gearbeitet und am Rand zum Trägerinnenkopf
zu mit weißer Spitze umrahmt. Mittels des Haarpfeils wurde die Haube
am Kopf bzw. am Haarknoten befestigt. Hinten war das Rad mit einer
lose fallenden Seidenbändergarnierung versehen, mit deren Enden die
Haube unter dem Kinn gebunden wurde.
Später,
ab 1830, trug man auch die schwarzen oder roten Genille- Hauben (sprich:
Schenell).
Genille war ein raupenartiges Florfaden-Schnürchen, das schon im 18.
Jahrhundert zu vielen Stickereien und Garnierungen Verwendung fand.
Die
jungen Mädchen trugen das Jungfernhäubchen, ein mit Gold- oder
Silberborten verziertes Häubchen, das stark an Rokoko-Kappenformen
erinnerte.
Zu
dieser Tracht trug die Bürgerin gewirkte weiße Strümpfe, mit Zopf-
oder Rillen- Zickzackmuster und schwarze Schnallenschuhe. Um den Hals
legte man sich das Kropfband (Halshenker) mit schöner Broschenschließe,
verziert mit Granaten; an den Ohren das „Berlok“, eine lang
herunterhängende Ohrzier. An den Händen trug man lange
Garnhandschuhe, welche die vorderen Finger unbedeckt ließen. Im
Winter hatte man den warmen Wiener Schal um die Schultern gelegt, während
im Sommer zum leichten Rock ein Mieder getragen wurde, garniert mit
dem Mailänder Tuch. Das Mieder mit verzierter Vorderseite war geschnürt
und mit Borten an den Trägern verziert. Darunter trug man eine lange
oder kurze Leinenbluse mit eingearbeitetem Goller und starkem
Armkugelfältel.
Im
Winter war die Stoffart zu Beginn des 19. Jahrhunderts Woll- und
Jacquardstoffe mit bunten eingewobenen Blumen, während im Sommer der
Kattun (Seidenglanzstoff) benützt wurde.
In
der Hand trug man ab 1830 den Sonnenschirm und wenn man einkaufen ging
einen geflochtenen Henkelkorb in anmutiger Vasen- oder Halbkreisform,
holzfarben oder bunt bemalt. Ab 1840 kam dann der Pompadourbeutel in
Mode und zum Einkaufen trug man die Leinentasche groß und schön mit
Bändergarnierung versehen.
Ab
1848-55 fand dann die Krinoline Eingang in die Flecken-Mode und auch
das Mieder verschwand endgültig und tauchte erst 1890 in
Fasnachtsspielen wieder auf. Doch immer noch trug man die schöne
Radhaube in Gold oder Silber oder Genille.
Soweit
der Altdorfer Bürger nicht Amt- oder Klosterlivrée oder Zunfttracht
trug, sah man ihn im Tuchüberrock in hellen Farben, die ab 1810 dunkler
wurden. Darunter hatte er eine gestickte oder einfarbige verzierte Weste
hochgeschlossen mit Sizten- Jabots (Krawattenart), später etwas vergrößertem
Ausschnitt und das gebundene Halstuch mit Münzverzierung.
Den
Kopf bedeckte der Dreispitz, später der breitrandige Hut mit
Zylinderkopf und dann der englische Zylinder.
Der
Stolz eines jeden Mannes war seine Bauchkette mit einer schönen Uhr,
geschnürt mit Ziertalern (Nesteln), sowie sein Spazierstock mit
Elfenbeingriff oder Metall, dazu das eingebaute Feuerzeug.
Um
1830 kamen dann der englische Gehrock in Mode sowie der Röhrenhose und
die bunte Halskrawatte, der Plastron (breite, weiße Krawatte)
und der konische Zylinder.
In
der Zeit nach 1855-60 dürfte die Tracht auch in einzelnen Teilen ganz
aus dem Bild des Fleckens verschwunden sein. Erst 1880-90 tauchte sie,
etwas verwässert, bei Theateraufführungen der Fasnacht wieder auf.
Erst
Dr. Fritz Mattes, der große Erneuerer des fasnächtlichen Brauchtums,
gab ihr in der Plätzlerzunft Altdorf- Weingarten eine Überlebenschance.
Auch die Narreneltern trugen von da an die Altdorfer Tracht (1928) und
bei den Heimatspielen wirkte sie mit.
Dies
ist als sehr dankenswert anzuerkennen, da die Tracht sonst die zwei
Weltkriege nicht überlebt hätte. Zwar wurde im Laufe der Zeit in
Unkenntnis der Schnittart des Materials und der Zusammenstellung sowie
die Utensilien die Tracht verfremdet, aber mehrere alte Gegenstände
blieben dadurch erhalten, da sie immer wieder gebraucht wurden.
1972
machte sich Jürgen Hohl aufgrund des alten Quellen- und
Materialsstudium daran, die Tracht auf den Urzustand von 1830 zurückzuführen.
So wurden das längst vergessene Mieder der Frauentracht, das Jungfernhäubchen
und die Herrentracht wieder belebt.
Durch
die tatkräftige Mithilfe einiger begeisterter Altdorfer- Weingärtler Bürger,
hauptsächlich aus der Plätzler- Zunft, wurde dann eine Trachtengilde
ins Leben gerufen, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Belange der
alten wieder auferstandenen Bürgertracht zu vertreten, sie in den
Festablauf des örtlichen Gemeindegeschehens einzugliedern und durch
Eintritt in den Bodensee- Heimat- und Trachtenverband für eine überregionale
Bekanntmachung der Tracht zum sorgen, da im ganzen Schussental nicht
eine Gemeinde die alte– bodenständige Bürgertracht mehr trägt.